16.2.24

Marlen Haushofer: Eine Handvoll Leben

Mit einem Vorwort von Angela Lehner
Mit einem Nachwort und herausgegeben von Konstanze Fliedl

So ein Lesen habe ich noch nicht erlebt. Ich wusste nicht, worum es geht, eine Inhaltsangabe oder Klappentext gibt es bei dieser Gesamtausgabe nicht.

Keine Frage, das Buch ist gut zu lesen, entwickelt einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Habe mir auch ein paar schöne oder interessante Stellen rausgeschrieben.

Aber: Bis zum Ende hin wusste ich irgendwie nicht, worum es eigentlich ging. Waren Betty und Elisabeth ein und dieselbe Person? Oder war die eine die Ältere, die sich an die Jüngere erinnert?

War ich beim Lesen nicht konzentriert genug? Außer dem allgemeinen Weltgeschehen, das ich mehr oder weniger erfolgreich verdrängen kann, plagen mich derzeit keine Probleme, die mich hätten ablenken können.

Eine Aufklärung habe ich dann im Nachwort erfahren. Mit diesem Wissen wäre es sicher ein anderes Lesen gewesen.


Inhalt

Eine junge Frau täuscht ihren Tod vor, um von ihrer Familie fortzugehen. Nach Jahren gesellschaftlicher und häuslicher Fesseln will sie aus der Rolle der Ehefrau, Mutter und Geliebten ausbrechen: ein eigenes Leben aufbauen, statt ein fremdbestimmtes Doppelleben zu führen.
Jahre später kehrt sie zurück in das Haus, das sie einst verließ – unerkannt vom eigenen Sohn, voller Erinnerungen und doch ohne Reue. 
"Eine Handvoll Leben" ist Marlen Haushofers erster Roman und verdichtet die verschiedenen Lebensentwürfe einer Frau, die sich für den Weg in die Unabhängigkeit entscheidet.  


Aus dem Vorwort

Fast siebzig Jahre nach Erscheinen von Haushofers ,Eine Handvoll Leben' haben sich diese unsichtbaren Wände nur unwesentlich verschoben. Sich öffentlich als Feminist:in zu bekennen, wird vielerorts weiterhin verhöhnt; Stellung zu beziehen, deswegen auch heute noch von vielen vermieden. Zu groß ist die Angst vor dem Ausschluss aus einem nach diskriminierenden Bauplänen errichteten Gesellschaftssystem, das sich immer wieder selbst neu errichtet.


Buchbeginn

Im Mai 1951 starb in einer österreichischen Kleinstadt ein gewisser Anton Pfluger an den Folgen eines Autounfalls. Auf dem Weg von seinem Landhaus in die Stadt fuhr er nämlich, ohne jeden ersichtlichen Grund, gegen einen Alleebaum und zog sich einen Schädelbruch und innere Verletzungen zu. Da er nicht mehr das Bewußtsein erlangte, nahm man an, eine plötzliche Übelkeit hatte ihn befallen. Anton Pfluger hatte wenige Tage zuvor seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und vielleicht dabei des Guten etwas zuviel getan.


Zitate

Die ersten Monate im Internat verbrachte Elisabeth wie ein Mensch, den man brutal ins Wasser geworfen hat und der jetzt um sein Leben schwimmt, wild vor Todesangst und nicht imstande, um sich zu blicken. Nur ganz langsam konnte sie damit anfangen, ein wenig Ordnung in das Chaos von Eindrücken zu bringen. Diese Bemühungen, von wenig Erfolg gekrönt, sollten sie nun jahrelang beschäftigen.

In ihren Träumen nahmen die Ungeheuer überhand und nach wilden Kämpfen und großer Bedrängnis erwachte sie am Morgen matt und leer.

Dann fiel ihr die violette Hyazinthe ein, die jemand ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.
Noch einmal stand sie vor der feuchtblauen Blüte und roch den erregenden Duft, ganz verloren an diese gewalttätige Schönheit. Nach drei Tagen wurden die glänzenden Blumenblätter matter und auch der Duft wurde schwächer. Am fünften Tag plötzlich, gegen Abend, strömte die Hyazinthe einen so wilden Geruch aus, daß man die Fenster aufreißen mußte. Die Spitzen der blauen Blüten bogen sich in schamlosem Todeskampf zurück und aus ihrer Mitte kam dieser süße und verzweifelte Geruch, der langsam zum Gestank des Todes wurde. Eine Stunde später stand die Blume welk und erschlafft und Elisabeth trug sie aus dem Zimmer.

Ein Gefühl des Triumphes ließ sie rascher atmen, erlosch aber sogleich wieder: die Vorstellung, Lenart könne anfangen, sie zu lieben, war beklemmend und furchteinflößend. Mit einemmal wußte sie, daß sie in Wahrheit nie gewünscht hatte, geliebt zu werden. Sie selbst konnte nur lieben, was für sie schwierig und unerreichbar war und sich ihr immer wieder entzog. Es gab nichts Enttäuschenderes, als eine Aufgabe gelöst, eine Sehnsucht gestillt zu haben und plötzlich ohne Wunsch zu sein.

Das Leben war einfach zu stark, um bewältigt zu werden.

 

13.2.24

Karin Michaëlis: Das gefährliche Alter (1910)

Aus dem Dänischen von Mathilde Mann

Mit einem Nachwort von Manuela Reichart


Inhalt

Als Elsie Lindtner, vierzigjährig, ins "gefährliche Alter" kommt, verläßt sie ihren Mann und zieht sich in die Einsiedelei zurück. Ohne männliche Häme will sie "die Jahre des Übergangs" leben. Als sie endlich begreift, daß sie in Wahrheit vor der Leidenschaft für einen jüngeren Mann flüchtete, ist es zu spät. Er liebt sie nicht mehr. Und ihr Mann hat sich längst mit einer Jungen getröstet.

Das gefährliche Alter, 1910 erstmals erschienen, wird zu einem literarischen Großereignis. Der Roman wird über 1 Million Mal verkauft. Dreimal wurde das Buch über die "zügellosen Gelüste einer Vierzigjährigen" (BZ am Mittag, 1910) verfilmt. Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein Skandal, liest sich Karin Michaëlis' Roman über das "gefährliche Alter" heute wie ein Vademekum für Frauen in jedem Alter.


Buchbeginn

Liebe Lili,

es wäre passender gewesen, wenn ich Dir selbst die Neuigkeit überbracht hätte, um so recht in Deinem Entsetzen zu schwelgen, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen.


Zitate

Was nützt all das Reden und Schreiben über die Gleichberechtigung der Geschlechter, solange wir eine von den vier Wochen des Monats Sklaven von etwas sind, das sich nicht überwinden läßt.

Nie vergeß ich den Brief, in dem sie mit wunderlich unsicheren Buchstaben geschrieben hatte: - Wenn Männer ahnten, wie es in uns Frauen aussieht, wenn wir über die Vierzig hinaus sind, sie würden uns fliehen wie die Pest oder uns niederschlagen wie tolle Hunde...
Auf diese Lebensphilosophie hin wurde die Frau eingesperrt. Sie hätte sie für sich behalten und nicht mit Kreide an die Wände ihres Hauses malen sollen. So etwas wird als Beweismaterial für Irrsinn angesehen.

Es sollte ein Klosterorden gegründet werden, im grpßen und munteren Stil der Frauen zwischen Vierzig und Fünfzig. Eine Art Asyl für die Opfer der Übergangsjahre. Denn es kommen ja im Leben einer jeden Frau die Jahre, wo ihr am besten mit einer freiwilligen Einsperrung oder auf alle Fälle mit einer vollständigen Absperrung von dem anderen Geschlecht gedient wäre.

Eine Frau, die es wagt, das Recht des Lebens in den späteren Jahren zu fordern, wird mit Abscheu betrachtet.

Am alten Markt war der Sonntag nicht besser. Dort hatte ich Richard vom frühen Morgen an. Es ist schlimm, sich allein zu langweilen... aber schlimmer, wenn man zu zweien ist. Daß Richard es doch niemals gemerkt hat! Er kam mir vor wie eine mahlende Mühle, wenn er sprach, und mir stäubte das Mehl in die Augen.

5.2.24

Selma Merbaum

Selma Merbaum wurde am 5. Februar 1924 in Czernowitz, Bukowina geboren. Ihre Eltern waren der Schuhhändler Max Merbaum und seine Frau Friederika, geborene Schrager. Sie war die Groß-Cousine von Paul Celan - die Väter der Mütter waren Brüder. Max Merbaum starb, als Selma neun Monate alt war. Ihre Mutter heiratete drei Jahre später Leo Eisinger.

Selma besuchte bis 1940 das ehemals private jüdische Mädchenlyzeum, das Hofmann-Lyzeum und begann schon früh mit dem Lesen der Autoren, die großen Einfluss auf ihr eigenes Werk ausüben sollten: Heinrich Heine, Klabund, Paul Verlaine, Rainer Maria Rilke und Rabindranath Tagore.

Im Oktober 1941 wurden Selma, ihre Mutter und ihr Stiefvater Leo Eisinger gezwungen, im Ghetto der Stadt zu leben. Am 28. Juni wurde auch Selma mit Familie und Verwandten in das Übergangslager Cariera de Piatra, in Transnistrien, verschafft. Von dort wurde sie in das Arbeitslager Michailowk östlich des Bugs deportiert - von Deutschen besetztes Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik. Dort wurden die Häftlinge gezwungen, Steine für den Straßenbau für die Durchgangsstraße IV zu hacken.

Selma war erst 18 Jahre jung, als sie als verfolgte Jüdin entkräftet an Fleckfieber starb. Geblieben sind von ihr ein paar biografische Daten und 58 Gedichte, die sie hauptsächlich für ihren Freund Leiser Fichmann aus der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair geschrieben hat. Ihr Werk gehört mittlerweile zur Weltliteratur.

Leiser Fichman erhielt das Gedichte-Album von Else, Selmas Freundin. Er nahm es mit ins Arbeitslager, entschloss sich, nach Palästina zu flüchten und gab es Else zurück. Das Schiff, auf dem sich Fichman befand, wurde torpediert und er starb. So fanden sie ihren Weg mit Else durch Europa nach Israel.
Hier veröffentlichte sie Hersch Segal, Selmas Lehrer von der Jiddischen Schule, 1976. 400 Büchlein ließ er auf eigene Kosten drucken.
Es handelt sich dabei durchgängig um Liebes- und Naturgedichte, die von einer melancholischen Grundstimmung geprägt sind.


Als der Komponist David Klein auf die Gedichte von Selma stieß, machte er sich auf die Suche nach Sängerinnen und Sängern. Gefunden hat er:

Sarah Connor (erstmals auf Deutsch)
Xavier Naidoo
Yvonne Catterfeld
Reinhard Mey
Hartmut Engler (Pur)
Thomas D (Die Fantastischen Vier)
Joy Denalane
Jasmin Tabatabai
Volkan Baydar (Orange Blue)
Inga Humpe (2raumwohnung)
Stefanie Kloß (Silbermond)
Ute Lemper,
die Selma nach über 60 Jahren eine Stimme gaben.

Und wer vielleicht mit Gedichten nicht so viel anfangen kann, dem gehen diese Lieder und Stimmen bestimmt unter die Haut.

2.2.24

Christiane Ritter: Eine Frau erlebt die Polarnacht

Erst als an einer Stelle im Buch die Frage auftauchte, ob in Europa schon Krieg ist, stutzte ich und schaute mal nach: Das ganze Unterfangen fand schon 1934/35 statt. Die Autorin Christiane Ritter lebte von 1897 bis 2000.

Dabei war Christiane Ritter nicht etwa abenteuerlustig, als sie die Reise nach Spitzbergen antrat, nein, ihr Mann Hermann Ritter (deutscher nautischer Offizier, Pelztierjäger und Offizier der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg, zuletzt als Leutnant zur See) meinte, sie müsse unbedingt ein Jahr auf Spitzbergen verbringen.

Den ersten Schock bekam sie schon mal, als er meinte, sie dürfte nur mitnehmen, was sie selbst tragen könne - also einen Rucksack voll an Gepäck.

Christiane Ritter war nicht die erste Frau, die es in die Arktis zog. Als erste weiße Frau, die in der Arktis überwintert hat, galt Josephine Peary (1863-1955), US-amerikanische Polarforscherin und Schriftstellerin.

"1893 erschien ihr Buch My Arctic Journal – a Year among Ice-Fields and Eskimos. Sie war die Ehefrau von Robert E. Peary, den sie bei seinen Versuchen, den Nordpol zu erreichen, aktiv unterstützte. 1955 ehrte die National Geographic Society sie mit der Medal of Achievement für ihre Verdienste um die Arktis. Isabel Coixet drehte 2014 über Josephine Peary den Spielfilm Nobody Wants the Night mit Juliette Binoche in der Hauptrolle." - Wikipedia

Ein Abenteuer wurde es dann aber doch. Und zum Schluss wollte Christiane Ritter gar nicht mehr weg von dort. Das Buch zeigt, wie weit wir Menschen uns schon damals von der Natur entfernt haben - auch von unserem eigentlichen Menschsein.


Inhalt

Im eisigen Spitzbergen, viele hundert Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt und ohne die Hilfsmittel moderner Arktisexpeditionen, hat die Malerin Christiane Ritter ein Jahr lang allein mit ihrem Mann und einem Pelzjäger in einer Hütte gelebt. Was sie vom Schrecken der Schneestürme, von der Jagd auf Bären, Polarfüchse und Schneehühner und vor allem von der Grausamkeit monatelanger Finsternis erzählt, aber auch von der unvorstellbar strahlenden Schönheit des arktischen Sommers, ist der Schlüssel zu einer unbekannten Zauberwelt.


Buchbeginn

Die lockende Arktis

In einer Hütte in der Arktis zu leben, war von jeher meines Mannes Wunschtraum gewesen. Wenn in unserem europäischen Heim irgend etwas nicht stimmte, Kurzschluß, Rohrbruch, oder gar der Mietzins gesteigert wurde, meinte er immer wieder, so was könnte in einer Hütte in der Arktis nicht vorkommen.

Anschließend an eine wissenschaftliche Expedition blieb mein Mann in Spitzbergen, betrieb mit seinem Kutter Eismeerfang und, wenn alles vereist war, im Winter auf dem Festlande Pelztierjagd. Briefe und Telegramme kamen aus dem hohen Norden: "Laß alles liegen und stehen und folge mir in die Arktis."


Zitate

Wir fahren wieder in dichtem Nebel. Gefleckte graue Möwen fliegen ganz niedrig mit dem Schiff. Es sind ganz andere Möwen als die, die ich bis jetzt gesehen habe. Sie fliegen mit knappen, derben Flügelschlägen. Ihre stumpfen, verbissenen Gesichter sehen nach Kampf und Zähigkeit aus. In ihrem Anblick ahne ich zum erstenmal die unerbittliche Natur der Arktis.


Wir haben Vollmond. Was das bedeutet auf der vereisten Glatze der Erde, davon kann sich kein Mitteleuropäer einen Begriff machen. Uns ist es, als zerflössen wir im Mondlicht und als zehrte es uns auf. Es nützt nichts, wenn wir nach einer Mondscheintour zurückkehren in die Hütte unterm Schnee. Es ist, als verfolgte uns das Licht überallhin. Das ganze Bewußtsein ist grelle Helle, das ganze Bewußtsein verlangt zurück zum Mond.


Der Mediziner bewundert mein gesundes Aussehen und meine "unvergleichliche Seelenruhe".
Kunststück, wenn, wie hier, das Tagewerk nur aufs Lebensnotwendigste eingestellt ist und Tag und Nacht Zeit bleibt, der Natur zu leben. In unserer weiteren Unterhaltung bedauern wir alle Menschen der europäischen Städte, besonders die Hausfrauen, die, ohnedies abgehetzt vom beständigen Kampf mit Ruß, Staub, Motten und Mäusen, sich noch gegenseitig verpflichtet fühlen zu äußerem Schein. Wir sprechen weiter von Europas Kulturgenüssen, die uns dort so wertvoll sind, zum Beispiel die Musik, ohne die wir doch kaum zu leben vermögen, die die Seele erhebt und das Gemüt leicht macht. Merkwürdig genug, aber der Hunger nach Musik fehlt hier ganz. Unser Gemüt ist leicht, die Seele ist in einem dauernden Zustand der Erhebung. Die Natur scheint alles zu enthalten, was der Mensch für sein Gleichgewicht braucht.


Manchmal steigen wir auf die Berge. Nicht um Ausschau zu halten über das Eis. Nicht auf Schiffe warten wir. Nein, wir sind so wie alle Spitzbergener, die sich fürchten vor dem ersten Frühjahrsschiff. Nur nichts soll kommen, unseren Frieden zu stören!




24.1.24

Elizabeth Maguire: Fenimore

Elizabeth Maguire schreibt in Romanform über die Bekanntschaft zwischen Constance Fenimore Woolson, Großnichte von Fenimore Cooper, und Henry James. Sie lässt - ich benutze mal den Buchtitel - Fenimore - in der Ichform erzählen.

Von ihrem Großonkel hat sie die Weisheit,

"...man muß die Leser stets im ungewissen über das lassen, was als nächstes passiert. Die Menschen geben es nicht gerne zu, aber was sie in Wirklichkeit wissen wollen, ist, wie es ausgeht - am Schluß." (S. 27)

39 Jahre alt ist Fenimore, als ihre Mutter stirbt und sie sich nun endlich auf die Reise nach Europa machen kann. Seit zwanzig Jahren schon schrieb sie Geschichten und Skizzen, verdiente also ihr eigenes Geld. Sie galt als erster "weiblicher Regionalautor". (S. 31)

Doch sie hatte sich noch um eine Schwester und Nichte zu kümmern. Und ihre Reise konnte sie nur machen, wenn sie die beiden mitnahm. Und fahren muss sie, will sie doch unbedingt Henry James kennenlernen.

"Hat es Ihnen schon einmal das Herz gebrochen, wenn ein Buch zu Ende geht? Kennen Sie es, daß ein Schriftsteller Ihnen noch ins Ohr flüstert, lange nachdem sie die letzte Seite umgeblättert haben? Hätten nicht auch Sie gern einmal jene Person kennengelernt, die die Welt mit ihren Augen sieht, um das Gespräch mit ihr fortzusetzen?

So erging es mir mit Harry, lange bevor ich ihn leibhaftig begegnete." (S. 35)

Fenimore genoss die Überfahrt nach England. Den beiden anderen Frauen erging es da schlechter. Sie wurden seekrank. In London stellte Fenimore ihre Bedürfnisse hintan. Doch dann platzte ihr der Kragen:

"Achtet ihr mich so wenig, daß ich über meine Zeit und meine Gesellschaft nicht einmal so wie ein sechzehnjähriges Mädchen in den Ferien bestimmen darf?" (S. 41)

Ihr Wunsch, endlich Henry James zu treffen, erfüllte sich noch nicht. Sie erfuhr, dass er sich in Paris aufhielt, und so beschloss sie, nach Frankreich aufzubrechen. Doch dort verfehlte sie ihn, er war mittlerweile in Italien. Und er hatte absolut keine Lust oder Zeit, sich mit einer zweitklassigen Schreiberin zu treffen. Doch dann sollte es doch endlich klappen:

"In den nächsten Wochen machte Henry James mich zu seiner Aufgabe. An seiner Seite besichtigte ich viele herrliche Bilder. Er wollte, daß ich die Dinge so sah wie er. Darin war er wie die meisten Männer. Aber in anderen Dingen war er vollkommen anders - eine Quelle, von der ich am liebsten ewig getrunken hätte. Ich wünschte mir, so zu denken und zu fühlen wie der Künstler in ihm." (S. 48)

Die Freundschaft zwischen den beiden war wohl nicht ganz problemlos.

"Ich lief vor Harry fort. Und seinetwegen ließ ich King zurück, ohne zu wissen, wann ich ihn je wiedersehen würde und ob überhaupt. Plötzlich fühlte sich die Freundschaft mit Harry, um die ich mich so bemüht hatte, wie ein Joch an. Die Heftigkeit, mit der ich es am liebsten abgeschüttelt hätte, überraschte mich." (S. 98)

Er sah es nicht gerne, dass sie sich mit anderen Männern traf und legte ihr brieflich nahe, sich von ihnen zu trennen.

Fenimore hatte Probleme mit den Ohren. Das artete in Abständen zu starken Kopfschmerzen aus. Bevor sie an einen Spezialisten geriet, der sich tatsächlich um ihre Ohren kümmerte, hatte sie schon viele Ärzte konsultiert, die tatsächlich von ihr verlangten, sich nackt auszuziehen, damit sie ihren Bauch abklopfen konnten, um die hysterischen Wurzeln ihres Problems herauszufinden.

Auf dem Hügel von Bellosguardo in Florenz fand Fenimore ein Haus für sich. Es war noch gar nicht richtig fertig, da quartierte sich Henry James schon bei ihr ein. Als sie eines Tages von einem Spaziergang zurückkam, sah sie Henry auf der Terrasse, wie er sich vom Sohn des Koches "verwöhnen" ließ. Als sie ihn später darauf ansprach, gerieten sie in Streit und am nächsten Morgen war er weg.

Henry James neidete ihr ihren Erfolg. In der Zeitschrift "Harper's" tat er so, als bewundere er ihr Werk, doch "ließ der Meister es in Wirklichkeit aber nur klein erscheinen, heimatverhaftet und - was am schlimmsten war - weiblich. [...] Denn Zeile um Zeile hatte er das hinterlistige Porträt nicht nur eines Werks, sondern auch seiner Schöpferin entworfen." (S. 145/146)

Es war eine eigenartige Freundschaft. Fenimore hatte Henry gegenüber ihre Geheimnisse. So erzählte sie nichts über die Männer, mit denen sie sich traf oder über ihren Gesundheitszustand. Sie wusste, dass das Themen waren, die ihm unangenehm waren, andererseits nahm sie ihm so die Möglichkeit, sich als wahrer Freund zu erweisen. Aber nein, hier war sie egoistisch, weil sie weiterhin mit ihm zusammensein wollte.

Ein Arzt, der sich anscheinend nicht weiter mit ihrer Krankheit befassen wollte, verschrieb ihr Laudanum. Dr. Baldwin, der Arzt, der sich als einziger für ihre Krankheit interessierte und ihr helfen wollte, half ihr, von der Droge wieder runterzukommen.

Bei ihrem Ohrproblem konnte ihr anscheinend niemand helfen. Selbst die Spezialisten, die ihr Dr. Baldwin empfahl, entpuppten sich als unwillig, ihr tatsächlich zu helfen: "Die Begeisterung, mit der Ärzte einer fünfzigjährigen Frau Betäubungsmittel verschreiben, erstaunt mich immer noch. Ich glaube, sie würden alles tun, um uns zum Schweigen zu bringen. Unsere tatsächlichen Probleme langweilen sie offenbar zutiefst." (S. 230/231)

Und dann eröffnete ihr ein Arzt, dass ihre Ohrenschmerzen von einem Tumor her stammen und er sich wundere, dass sie immer noch lebt.

Bis zur letzten Seite ist mir Henry James nicht mehr sympathisch geworden.


Hier noch einige Zitate:

Für jemanden wie mich, die sich nur an ihre Arbeit gebunden fühlt, ist das Zuhause dort, wo die Phantasie blüht. Wo das Schreiben gelingt.

Immer noch kamen Harrys Briefe, manchmal zwei am Tag [...] Ich muß gestehen, daß ich, angesichts meiner eigenen Schreibpflichten, nicht immer mit dem Tempo seiner Korrespondenz Schritt halten konnte, doch ich tat mein Bestes. Wir teilten einander nicht nur mit, was wir erlebt hatten, sondern auch Ideen für Geschichten, kleine Szenen, künstlerische Zweifel und Theorien. Mein Traum von einer Schriftstellerfreundschaft begann sich zu erfüllen.


"Werden Sie sich Ihren Kontostand bei Harper's demnächst auch rahmen lassen, meine hochbezahlte Freundin?"
Oh, der Versuch, die Freude über meinen kleinen finanziellen Erfolg mit ihm zu teilen, war also ein Fehler gewesen! Mein Gesicht glühte.
"Natürlich nicht. Und Publikumsgunst macht aus mir noch nicht einen so schöpferischen Geist, wie Sie es sind, Harry. Mein Werk reicht nicht an den Saum des Ihren. Dessen bin ich mir vollkommen klar."
"Meine liebe Fenimore, ich wäre schon mit einem Bruchteil Ihres finanziellen Erfolgs sehr zufrieden. Wenn ich doch nur das Geheimnis von euch schriftstellernden Frauen lüften könnte. Nun ja." Er hielt inne.
Nichts ärgert einen Mann mehr als Eine Frau, die in einem Revier Erfolg hat, das er für sich beansprucht.

Lizzie drückte meine Hand. Wie ich ihr von den Lippen lesen konnte, flüsterte sie: "Und was, wenn er dich wirklich heiraten möchte?"
Die arme Lizzy begriff nicht, daß es das letzte war, was ich mir gewünscht hätte: Meine Talente auf immer zurückstellen, nur um in der zweiten Reihe hinter dem Meister zu stehen? Und meine Freiheit aufgeben, damit er jungen Männern, die er begehrte, nachjagen konnte? Niemals.

 

17.1.24

Brigitte Reimann: Die Geschwister

Die Geschichte spielt noch vor dem Mauerbau. Viele Menschen machen sich auf in den Westen. Was macht das mit denen, die zurückbleiben. Diese Zerrissenheit, aber auch das Verhältnis zwischen Partei und Künstlern fängt Brigitte Reimann wunderbar ein.


Inhalt

Die große Neuausgabe eines der meistdiskutierten Bücher der DDR-Literatur

Das Sensationsbuch erstmals so, wie die Autorin es schrieb

Dank eines Glücksfundes können wir diesen Roman, der aufgrund seiner verblüffenden Modernität derzeit international für Begeisterung sorgt, in einer ungekürzten, politisch ungeschönten Fassung auch hier neu entdecken.

Ostern 1961 erfährt Elisabeth, dass ihr über alles geliebter Bruder in den Westen gehen will, weil er in der DDR keine Zukunft sieht. Was wird bleiben von ihrer Gemeinsamkeit, wenn jeder seinen Idealen folgt? Wenige Tage hat sie noch Zeit, mit Uli zu reden. 

Die freiherzigere und mutigere, zugleich reifere und klarsichtigere Neuausgabe steht symbolhaft für das viel zu kurze Leben dieser faszinierenden Schriftstellerin, die sich selbst stets treu blieb. 


Buchbeginn

Als ich zur Tür ging, drehte sich alles in mir.

Er sagte: "Das vergesse ich dir nicht." Er stand gerade und ohne Bewegung mitten im Zimmer, er sagte mit einer kalten, trockenen Stimme: "Das werde ich dir nicht verzeihen."

Ich fand die Klinke, und draußen im Korridor hielt ich mich eine Weile an der Klinke fest, während ich auf seine Stimme wartete, auf einen Fluch oder darauf, dass er seinen Schuh gegen die Tür warf.

 

8.1.24

Petra Dittrich mit Rainer Moritz: Meine Inselbuchhandlung - Zwischen Bodden und Brandung

Inhalt

Direkt am kleinen, trubeligen Marktplatz von Gingst auf der schönen Insel Rügen hat sich die Rüganerin Petra Dittrich ihren Lebenstraum erfüllt: Nach zwanzig turbulenten Jahren in der Großstadt eröffnet sie hier ihre erste eigene Buchhandlung – trotz Risiken und Nebenwirkungen. Ihr Laden wird zu einem Wohnzimmer, für sie selbst sowie für all die Menschen, die sie hier besuchen und sich von ihr inspirieren lassen. Nach einem Morgenspaziergang am Meer bei Sturm und Regen wärmt sie sich mit einer Tasse Tee im Laden auf und begrüßt ihre Kundschaft mit einem Glas Sanddornlikör. Die Buchhändlerin hat für alle Lebenslagen das richtige Buch parat. Zu ihren Kund*innen gehören liebe und schräge Buchliebhaber*innen – eingefleischte Insulaner*innen ebenso wie Tourist*innen. Belohnt wird sie mit Marmelade aus Nachbars Garten, persönlichen Gesprächen und mit dem Deutschen Buchhandelspreis – zweifach! Und wenn Petra Dittrich mal frei hat, genießt sie den ganz besonderen Charme der Insel und zieht sich zum Lesen in die Dünen zurück.


 Buchbeginn

Ende Februar 2019. Nun ist es so weit. Ich stehe auf dem Gingster Marktplatz, es ist kalt, ein schneidender Wind fegt über die parkenden Autos hinweg. Wie immer um diese Jahreszeit sind die Einheimischen unter sich. Nur ab und zu verirren sich ein paar Touristen in den Ort. Ich schaue mich um, blicke hinauf zum wuchtigen Turm der St.-Jakobi-Kirche - bewusster als sonst, denn mit einem Mal habe ich Zeit, mir die geschweifte Turmhaube genauer anzusehen. Ich bin keine eifrige Kirchgängerin, doch auch dieser Bau gehört zu meinem Leben. Und dieses Leben nimmt nun eine Wendung, die ich mir nie vorstellen konnte ... und wollte.

Zitate

"Der Gingster Zauber hat mich irgendwann gepackt. Am Fuß der Kirche eine Buchhandlung zu betreiben, mich eins zu wissen mit Menschen, für die Taten mehr als Worte zählen - das ist bis heute meine allerbeste Gesundheitsvorsorge."

"Bis heute glaube ich fest daran, dass man manchmal sein Herz in beide Hände nehmen muss. Wer von einer Sache restlos überzeugt ist, wer für eine Sache brennt, der wird einen Weg finden."

"Ich weiß, Buchhändler ist ein Ausbildungsberuf, und mit keiner Silbe will ich bestreiten, dass man in dieser Phase viel lernen und sich auf seinen späteren Beruf vorbereiten kann. Dennoch glaube ich fest daran, dass man zur Buchhändlerin, zum Buchhändler geboren sein muss - wenn man es nicht als bloßen Job versteht, mit den Gaby Hauptmanns und E. L. James' dieser Welt möglichst schnell reichlich Umsatz zu machen. Anders gesagt: Ich bin überzeugt davon, dass es eine Art Buchhändler-Gen gibt, dass man tief in sich eine wahre Lust verspüren muss, in diesem Metier zu arbeiten."

Der Buchladen Rügen Gingst